Beitrag von Frau Mag. Sturm, MA, Umweltsystemwissenschaftlerin und Ökonomin.
Sie ist bei den Österreichischen Bundesbahnen als Programmleiterin für nachhaltige Beschaffung tätig.
Der Einkauf als Grundpfeiler für die Kreislaufwirtschaft
Mag. Ines Maria Sturm
Um auch zukünftig die Versorgung mit wertvollen Rohstoffen, Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit sicherstellen zu können, müssen wir als Gesellschaft mehr und mehr die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft übernehmen. Viele Rohstoffe sind heute schon einer zunehmenden Knappheit ausgesetzt, darüber hinaus entsteht durch globale wirtschaftliche Entwicklung ein zunehmender Wettbewerb rund um diese Ressourcen. Abbau und Verarbeitung gehen oft mit einem hohen Energieverbrauch sowie Umweltschäden einher.
Doch bei Kreislaufwirtschaft geht es neben den ökologischen und ökonomischen Aspekten auch um soziale Perspektiven. In der Kreislaufwirtschaft stecken viele sinnstiftende, oft regionale Arbeitsplätze, die vom Handwerk, beispielsweise in der Reparatur, über Design, Technik und Logistik bis hin zum Innovationsmanagement reichen. Damit entsteht Raum für den Einsatz der unterschiedlichsten Talente in unserem Wirtschaftssystem.
Einkauf als Grundpfeiler für Kreislaufwirtschaft
Kreislaufwirtschaft kann nur schwer von oben vorgegeben werden, sondern die Lösungen müssen aus den Unternehmen heraus entwickelt werden. Der Einkauf spielt eine besondere Rolle dabei, die Grundsteine für kreislaufwirtschaftsfähige Produkte im Unternehmen zu
legen. Welche Materialien und Stoffe werden eingesetzt? Wie werden diese miteinander verbunden? Wurde auf die Langlebigkeit und Reparierbarkeit des Produktes Wert gelegt?
Welche Nutzungsmöglichkeiten gibt es, nachdem das Produkt seine ursprüngliche Aufgabe nicht mehr erfüllen kann? Werden diese und weitere Fragen schon bei der Beschaffung von Produkten berücksichtigt, können die Voraussetzungen im Unternehmen für Kreislaufwirtschaft geschaffen werden. Zu Beginn des vergangen Jahres haben die ÖBB aus diesem Grund einen systematischen Ansatz für die Umsetzung von Kreislaufwirtschaft im Einkauf ausgearbeitet und präsentiert. Das Ergebnis wurde schnell sichtbar: schon am Ende des Jahres 2023 bezogen sich rund 20% der eingesetzten Nachhaltigkeitskriterien im
Einkauf auf die Kreislaufwirtschaft.
Innovation ist der Schlüssel
Insbesondere in der Transformationsphase von einem linearen hin zu einem zirkulären Wirtschaftsmodell ist das keine triviale Aufgabe. Die Innovationen am Markt müssen recherchiert und bewertet werden. Innovationsfördernde (öffentliche) Beschaffung verlangt auch nach zeitlichen Ressourcen. Aufgrund der kontinuierlichen Weiterentwicklung ist es wichtig, im laufenden Austausch mit dem Markt zu bleiben, um vielversprechenden Lösungen die nötige Aufmerksamkeit zu schenken. Ratsam ist es deshalb, auf eine Kombination von allgemeinen und spezifischen Kriterien zu setzen. So kann eine höhere Anzahl von Ausschreibungen mit Kriterien zur verlängerten Nutzungsdauer und Langlebigkeit umgesetzt werden (beispielsweise verlängerte Gewährleistung), die zwar ebenfalls impactstark, in der Umsetzung aber weniger aufwändig sind. Dies schafft genügend Raum für Einkaufsprojekte, die auf dem 10R-Framework basieren und damit
einen ganzheitlichen Ansatz verfolgen. Mit Hilfe des 10R-Frameworks werden alle Schritte des Produktlebenszyklus, wie Design, Produktion, Nutzung, Reparatur oder weitere Nutzung mit einbezogen.
Mit Produktpässen und KI in die Zukunft
Digitale Produktpässe sollen zukünftig die wichtigsten Informationen über ein Produkt online verfügbar machen. Setzen sich diese durch, wird Kreislaufwirtschaft in Zukunft viel einfacher berücksichtigt werden können. Derzeit ist ein regelrechter Wettlauf um die dahinterliegende Technologie entbrannt, die schon bald Informationen zur Herkunft, Zusammensetzung, Wartung, Reparatur und weiteren Nutzungsmöglichkeiten von Produkten bereitstellen soll.
Die Steuerung der Informationsfülle sowie das Management der zirkulären Produkte wird nur mit fortschrittlichen Technologien wie automatisierten Systemen und verantwortungsvoll eingesetzter Künstlicher Intelligenz zu bewältigen sein. Auch im Hinblick auf die Zusammenarbeit des Einkaufs, beispielsweise mit anderen Abteilungen, werden derartige Informationssysteme wichtig werden. Denn ein zirkuläres Produkt, das am Ende der ersten Nutzungsdauer gemeinsam mit linearen Produkten im Abfall landet, muss nicht zwingend nachhaltiger sein…
Mag. Ines Maria Sturm ist Umweltsystemwissenschaftlerin und Ökonomin. Sie ist bei den Österreichischen Bundesbahnen als Programmleitung für nachhaltige Beschaffung tätig.